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Interessanter Artikel: Vom Nicht-Veralten des „autoritären Charakters“.

Wilhelm Reich, Erich Fromm und die Rechtsextremismusforschung - Artikel von Andreas Peglau

In: Sozial.Geschichte Online / Heft 22 / 2018

 

http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-45266/05_Peglau_Autoritarismus.pdf

 

Fazit und Epilog

Vom „Veralten“ des autoritären Charakters kann – leider – keine Rede sein.

Die heute in Deutschland verbreiteten autoritären Charakterstrukturen sind, wie erwähnt, sicherlich gemildert im Vergleich zu denen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.117 Das heißt auch: Sie sind nicht mehr im selben Ausmaß destruktiv. Doch die Milderung kann rückgängig gemacht werden durch belastende Lebensumstände. Dafür, dass dies bereits geschieht, spricht die zwischen 2014 und 2016 gewachsene „autoritäre Aggression“. Dass längst vorhandene „rechte“ Einstellungen nun so offen zur Schau gestellt werden, trägt zudem unweigerlich zu ihrer Festigung und weiteren Verbreitung bei.118

Dass sich das Wesen des autoritären Charakters verändert hat, bezweifle ich, gestützt zumal durch meine alltäglichen Erfahrungen als psychoanalytischer Therapeut, ohnehin. Die Entstehung autoritärer Abhängigkeit beginnt nach wie vor in der Familie. Erst später setzt der zusätzliche, nie ausschließliche Einfluss von „Peer-Groups“ und Medien ein. Unterordnung unter „sekundäre Autoritäten“ ist aber weiterhin Unterordnung unter Personen

Und sich unterordnen zu müssen, lässt immer angestaute Wut entstehen, erzeugt daher noch heute jene Persönlichkeitsstrukturen, deren Grundzüge schon Reich und Fromm beschrieben haben. Insbesondere die Diskriminierung, Unterdrückung und Verfolgung Schwächerer bietet dieser Wut ein Ventil.

Autoritäre Persönlichkeitsanteile sind also hochgradig beteiligt an der Erzeugung jenes Potenzials, das die entscheidende psychosoziale Basis für jegliche Art destruktiver Bewegungen darstellt – wie die „rechte“. Auch die BRD-Gesellschaft stellt die psychosozialen Bedingungen selbst her, an denen sie krankt.

Von der Politik sind hier keine an die Wurzeln gehenden Gegenmaßnahmen zu erwarten. Denn erstens werden psychosoziale Aspekte von Politikern meist schon routinemäßig ignoriert. Zweitens gibt es keinen Grund für die Annahme, dass ausgerechnet Spitzenpolitikerinnen und -politiker weniger autoritär gestört sind als die Durchschnittsbürger. Im Gegenteil: Wilhelm Reich folgend muss angenommen werden, dass das Volk an seiner Spitze mehrheitlich Menschen sehen will, die übliche psychische Strukturen und Störungen besonders klar repräsentieren. Drittens – und das ist der entscheidende Punkt –, liegt eine Wurzel des gegenwärtigen Autoritarismus in unserer Gesellschaftsordnung selbst: Ohne autoritäre Unterordnung der Massen unter die Interessen politischer und wirtschaftlicher Eliten, damit auch ohne massenhafte Produktion autoritärer Charakterstrukturen kann Kapitalismus nicht funktionieren. Kein unterdrückendes Gesellschaftssystem ohne Menschen, die bereit sind, zu unterdrücken und sich unterdrücken zu lassen!

Dass diese – demokratiefeindliche – Charakterorientierung momentan wieder Konjunktur hat, liegt ebenfalls daran, dass die Politik, nicht zuletzt mit dem Alibi vermeintlicher Terrorbekämpfung, wieder verstärkt auf staatliche Kontrolle und Unterdrückung setzt. Letzteres klassifizierte der Soziologe Ralf Dahrendorf schon 2006 als „Anfang eines neuen Autoritarismus“.119

Die sich mit „rechts“-autoritären Charakterstrukturen befassenden Arbeiten von Wilhelm Reich und Erich Fromm120 – die eben auch nicht in anderen Forschungsansätzen „aufgehoben“ sind – haben deshalb für unsere Gegenwart immense Bedeutung. Ohne diese Erkenntnisse einzubeziehen, lassen sich der aktuelle deutsche „Rechtsruck“, wahrscheinlich aber auch die auf ähnlichen psychosozialen Gegebenheiten basierenden Entwicklungen in anderen europäischen Staaten und in den USA weder vollständig erklären noch kann angemessen darauf reagiert werden.12

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