Individualpsychologie

Ein Bild vom Mangel und seiner Bewältigung

Im Buch „Behandlungs(t)räume“ von Norbert Matejek / Günter Lempa, erschienen im Verlag Brandes & Apsel – Edition Déjà-Vu sind Karrikaturen von Couchen berühmter Psychoanalytiker dargestellt. Auch wenn Alfred Adler keine solche Couch benutzte, hat die Karrikatur doch etwas sehr Treffendes eingefangen: Ein Bein der Couch fehlt und ist durch einen Stapel Bücher ersetzt. Adler ergänzte Sigmund Freuds Modell unbewusster Motive unseres Handelns um einige wichtige Aspekte. Einer davon ist der Mangel, der im Bild durch das fehlende Bein an der Couch dargestellt wird. Zunächst befasste sich Adler mit „organischen Mängeln“, d.h. Krankheiten, körperlichen Schwächen, Mängeln beim Aussehen oder Behinderungen. Später ergänzte er diese Konzeption durch erlebte Mängel, also vermeintliche Schwächen oder Fehler, die einem Menschen aus seiner Umgebung zugeschrieben oder von ihm selbst innerlich wahrgenommen werden. Diese Mängel führen zum Minderwertigkeitsgefühl, einem Begriff, den Adler prägte und der Einzug in die Umgangssprache gehalten hat. Jeder Mensch ist bemüht, seine Minderwertigkeitsgefühle auf sehr unterschiedliche Weise zu kompensieren. Die Bücher, die das fehlende Bein in der Karrikatur ersetzen, könnten für Bildung stehen, für Wissen, das einen realen oder erlebten Mangel wett machen soll. Ein anderes Beispiel sind berühmte Redner, die als Kind Stotterer waren und die im Bemühen, ihren „Mangel“ auszugleichen, ihre Fähigkeit des glänzenden Sprechens erworben haben. Inzwischen ist das Konzept des Minderwertigkeitsgefühls innerhalb der Psychoanalyse in dem des Narzissmus aufgegangen und allseits als wichtige Motivationsgrundlage anerkannt.
Mittlerweile können viele Menschen etwas mit dem Begriff anfangen. In der „Langen Nacht der Wissenschaften“ am 10. Mai 2014 riefen wir die Besucher zu einem kleinen Mitmachexperiment auf. Auf einer Pinnwand konnten sie anonym ihre Antworten auf die Frage hinterlassen: „Wie kompensiere ich meine Minderwertigkeitsgefühle?“ Hier finden Sie einige der Antworten und ein paar Fotos.

Ein biopsychosoziales Modell

Ein weiteres unbewusstes Handlungsmotiv sah Adler in der sozialen Bezogenheit und in den sozialen Bedürfnissen des Menschen, seinem „Gemeinschaftsgefühl“. Individualpsychologie geht von einem ganzheitlichen Verständnis der bewußten und unbewußten Handlungs- und Erlebnisweisen aus. „Individuum“ bedeutet übersetzt das Unteilbare. Damit ist die soziale Verantwortung des Menschen für sein Verhalten gemeint, auch wenn ihm die Motive und Konflikte, die es auslösen, unbewusst sind. Das Wechselspiel von oben und unten, Macht und Ohnmacht, von Einschränkung und kreativer Überwindung im sozialen Umfeld, spielt die tragende Rolle in der Praxis individualpsychologischer Psychoanalyse, wie auch in ihrer Theorie. Sie ist damit die Strömung innerhalb der Psychoanalyse, die am meisten ein biopsychosoziales Modell vertritt: Die biologische Seite des Seins begann bereits Adler in seiner Konzeption „organischer Mängel“ konzeptuell mit einzubinden. Soziale Aspekte sind in der Betrachtung der sozialen Bezogenheit und der sozialen Bedürfnisse enthalten, psychische Dynamiken in den Betrachtungen des Erlebens, etwa des Minderwertigkeitsgefühles. Freud hingegen konzentrierte sich sehr auf das, psychische Erleben, auf innere Konflikte zwischen verschiedenen Instanzen des Selbst. Seine Traumatheorie, die ursprünglich noch soziale Bezüge enthielt, etwa Not oder sexuellen Missbrauch als Ursachen von psychischen Erkrankungen einbezog, trat in seiner Konzeptionierung mehr und mehr in den Hintergrund.

Soziale Beziehungen: Die Bedeutung von Gruppe und Gesellschaft für die Entwicklung des Menschen

Alfred Adler, einer der Psychoanalytiker der ersten Stunde, erweist sich als erstaunlich modern. Damit ist nicht in erster Linie Adlers Einfluss auf die sog. Kulturalisten (Horney, Sullivan, Fromm) im 20. Jahrhundert gemeint, sondern die gute Passung seiner Kernideen vom Menschen mit den Ergebnissen zeitgenössischer Forschung. Unbestritten wird dort der Mensch als ein primär und nicht hintergehbar soziales Wesen akzeptiert, dessen Suche nach Bindung ein Ergebnis seiner sozio-biologischen Entwicklung ist. Dass wir Menschen einander zum Überleben benötigen macht uns so beeinflussbar – im Guten wie im Bösen. Wie wir uns sehen, verhalten, denken ist Niederschlag der Reaktionen der anderen;  zunächst der Mutter, immer aber auch der Gruppen, in die diese (wie auch der Vater) eingebettet sind. So sah Adler den Sinn seines Wirkens ganz wesentlich in der Einwirkung auf „Gesellschaft“, indem er auf sie die Befähigung zum Miteinander zentrierte  und Wege dazu in Erziehung, Schule und Gemeinden aufzeigte. Für Adler gab es keine körperlichen oder seelischen Störungen, die nicht auch durch missglückte Beziehungen (Sozialmedizin)  entstanden sind und in ihren Auswirkungen die Mitmenschen tangierten. So gesehen ist Adler der Analytiker, dem eigentlich die Ehre zukommen müsste, die Gruppenanalyse entwickelt zu haben. Seine Theorie und die frühen Ansätze zu therapeutischen Behandlungen in Gruppen stehen den Ideen Sigmund Foulkes sehr nahe, auf den sich die Vertreter der Gruppenanalyse heute in erster Linie berufen. Foulkes sieht die Menschen verbunden durch eine „Matrix“, ein virtuelles Gewebe, in dem der Einzelne als eine Art Knoten vorstellbar ist. Was Menschen in kollektiven Zusammenhängen tun, ist immer vor dem Hintergrund dieser Matrix zu verstehen. In Gruppen tun wir  – im Guten wie im Schlechten – Dinge, die wir allein nicht täten und über die wir später mit Verwunderung und Unverständnis blicken. Dies alles zu erleben hilft in der Gruppentherapie die Kunst des Zusammenspiels zu verbessern, aber auch auf „Gruppe“ einen distanzierenden Blick zu werfen. Adler war der erste Tiefenpsychologe, der die Wichtigkeit der anderen gesehen hat für die Entwicklung des Menschen und für sein Bestehen in der realen Welt. Gruppenanalyse ist eine logische therapeutische Umsetzung der Ideen Adlers.

Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

Adler befasste sich als erster mit der Therapie von Kindern und Jugendlichen, woraus sich in der Individualpsychologie ein wichtiger konzeptioneller Schwerpunkt entwickelte. Seit ihren Anfängen findet sie deshalb nicht nur Eingang in die Psychotherapie, sondern auch in Pädagogik, Erziehung, Beratung und andere Bereiche, in denen ein tiefenpsychologisches Verstehen mitmenschlicher Beziehungen wichtig ist. Die Deutsche Gesellschaft für Individualpsychologie ist die einzige psychoanalytische Fachgesellschaft, in der neben Psychoanalytikern und analytischen Kinder- und Jugendlichentherapeuten auch Lehrer und Berater Mitglied sind. Dies führt immer wieder zu einem fruchtbaren Austausch.

Für weitere Informationen haben wir Ihnen verschiedene Medienbeiträge und Vorträge zum Thema Individualpsychologie zusammen gestellt.